An manchen Tagen wünschte ich mir die Achtsamkeit einer Vierjährigen zurück. Während ich total gestresst mit einem Kind im Kinderwagen und dem anderen zu Fuß durch die Gegend hetze und dabei tausend Gedanken wälze, ist für meine Tochter so ein kleiner Weg von A nach B scheinbar eine Achtsamkeitsmeditation.

„Komm, beeil dich, mach mal schneller“, rufe ich ständig aus der puren Angst, dass das kleine Kind im Kinderwagen motzt, wenn der Wagen sich nicht schnell genug bewegt. Dabei motzt es ja noch gar nicht.

„Hör doch mal!“

„Wieso musst du denn jetzt noch in jede Garageneinfahrt reinlaufen?“, rufe ich total genervt zu meiner Tochter, die inzwischen 5–10 Meter hinter mir ist.

„Hör doch mal, Mama. Der Schnee knirscht!!“, ruft sie begeistert. Klar, in den Einfahrten ist Schnee, Straße und Gehweg sind ja geräumt. Ich bleibe kurz stehen. Wann habe ich das verlernt? Einfach im Moment sein und solche Kleinigkeiten genießen, anstatt ständig gestresst aufs Handy zu starren! Wir gehen weiter und ich versuche, mich dem Tempo meiner Tochter anzupassen. Zwischen mindestens drei „Schatzfunden“ innerhalb von 20 Metern bemerkt sie immer wieder Dinge, die mir überhaupt nicht auffallen. „Bestimmt geht das Auto da bald kaputt.“ stellt sie zum Beispiel fest. „Welches Auto?“ „Das, was gerade den Berg hochgefahren ist.“ „Wieso denkst du das?“ Da kam hinten Qualm raus.“ Vermutlich war es einfach der Auspuff. Oder auch nicht, keine Ahnung, ich habe es gar nicht gesehen.

Achtsam geht es weiter

Wir gehen weiter: „Oh, die Honigtankstelle, ich will gerne wissen, wie viel Honig noch da ist“, ruft sie begeistert, als wir am kleinen Honig-Verkaufsständer vorbeikommen. „Dann guck nach.“ Sie klettert auf die Bank und versucht, die Tür zu öffnen. „Was heißt das, wenn die Tür nicht aufgeht?“, fragt sie mich. „Keine Ahnung, ich weiß es nicht. Ich weiß auch nicht alles“, antworte ich genervter, als mir lieb ist. Also gehen wir weiter.

Der Kleine liegt immer noch ganz entspannt im Kinderwagen, und die Große teilt weiter ihre aufmerksamen und achtsamen Beobachtungen. „Schau, so ein großer Stock liegt hinter dem Zaun!“ „Da ist wieder das Postauto. Hier zu dem Haus will es bestimmt nicht. Das Kind, das dort gewohnt hat, ist ja gerade umgezogen. Jetzt wohnt da niemand.“

Wieso nicht gleich so?

Je länger wir gehen, desto weniger versuche ich sie zum schneller laufen zu animieren. Auch dem Kleinen scheint der achtsame Spaziergang mit vielen Unterbrechnungen und Beschreibungen durch seine achtsame Schwester zu gefallen. Er liegt seelenruhig im Buggy. Wieso habe ich mir überhaupt so einen Stress gemacht? Am Ziel angekommen, merke ich, dass auch mein Nervensystem sich inzwischen beruhigt hat. Ich sollte öfter achtsame Spaziergänge mit Vierjährigen machen.

Mama der Schnee knircht

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