Die nächsten Tage verbringe ich also mit meinem neuen Freund dem Katheter. Ich habe eine gewisse Hassliebe zu ihm. Auf der einen Seite schmerzt mein Intimbereich nun so sehr, dass ich mich am liebsten gar nicht mehr bewegen will, auf der anderen Seite bin ich unendlich dankbar dafür, dass irgendwie der Urin aus mir raus kommt.

Spaß am Wickeltisch

Meine Brüste beginnen Milch in so großen Mengen zu produzieren, dass das Baby das erste Mal bricht, weil der kleine Magen nicht hinter her kommt. Panisch legen wir sie auf die Seite und fragen uns ob sie eher auf dem Rücken am Erbrochenen oder eher auf der Seite am plötzlichen Kindstod stirbt. In all dem Chaos beginnt einer der lustigsten Abende seit langem. Denn mein Mann und ich haben inzwischen einen Galgenhumor entwickelt. So stehen wir gemeinsam zum fünften Mal in einer Stunde vor dem Wickeltisch, weil wir sie ständig am umziehen sind. Entweder wegen Spucken oder wegen Stuhlgang oder wegen durchnässter Windel. Inzwischen haben wir nichts mehr was wir dem Baby noch anziehen könnten, da alles in Größe 50 schmutzig ist, und unser Würmchen für 56 zu winzig ist. Während wir also vor Verzweiflung nicht mehr wissen ob wir noch lachen oder weinen sollen, pinkelt das Baby freudestrahlend die letzte Notfallkleidung voll und ich bekomme so einen Lachflash dass mein Beckenboden auf eine harte Probe gestellt wird: „Ihr dürft nicht so lustig sein, sonst fällt mein Katheter raus“, rufe ich zu meinem Mann und meiner Tochter und muss dabei noch mehr lachen. Situationskomik.

In einer anderen Welt

In der Nacht darauf schlafe ich das erste mal seit 5 Tagen über 2 Stunden und gerate so sehr in den Tiefschlaf, dass ich am Morgen wach werde und nicht mehr weiß wo oben und unten ist. Eine Stunde lang laufe ich wie paralysiert durch die Wohnung und frage mich wo ich bin und wer ich bin. Ich will meine Eltern anrufen aber weiß überhaupt nicht ob ich mich gerade in meinem Haus befinde oder irgendwo im Urlaub bin. Es ist alles so verstörend, dass ich kurz denke eine Art Wochenbettpsychose zu haben. Es ist schwer zu beschreiben. Irgendwie fühlt sich alles um mich rum fremd an, wie eine Parallelwelt. Ich rufe meine Freundin an und komme langsam wieder zu mir. Erst jetzt Wochen später ist mir klar, dass es einfach eine Folge des kurzen Tiefschlafs war, denn ich so sehr nötig hatte.

Bye, bye Katheter?

Nach ein paar Tagen wird ein Versuch gestartet, den Katheter zu ziehen. Ich freue mich unglaublich das Ding los zu sein und habe panische Angst, dass jetzt immer noch kein Pipi kommt. Der Urologe ist nett und optimistisch. Er redet mir gut zu und meint ich könne direkt nach dem Ziehen versuchen aufs Klo zu gehen. Ich frage ihn panisch was ich tun soll, wenn wieder kein Urin kommt. „Kommen sie ins Krankenhaus egal zu welcher Tages- oder Nachtzeit ich leg ihnen einen neuen Katheter!“. Ich möchte den Mann umarmen und küssen, aber es ist ja Corona also bedanke ich mich mit 1,5 Meter Abstand und hoffe er erkennt mein Lachen auch hinter der Maske.

Zu Hause versuche ich mich mit dem Pinkeln nicht unter Druck zu setzen. Ich setze mich immer mal wieder aufs Klo und warte. Nach circa 4 Stunden kommen die ersten Tropfen, ich freue mich total. So geht es los und plötzlich kommt alle 30 Minuten ein bisschen was und es wird immer mehr. Um ein Gefühl zu haben wie viel da kommt pinkele ich in einen Becher. Am Abend stehe ich mit einem vollen Becher Urin in der Wohnzimmertür. Ich strecke ihn stolz in die Lüfte, als wären es keine 250ml Urin sondern der Championsleague-Pokal. „Geil!“, jubelt mein Mann und die Situationskomik nimmt mal wieder völlig neue Züge an.

Nun hoffe ich, dass der Urologe am nächsten Morgen keinen Resturin in meiner Blase findet, denn dann könnte das Spielchen von vorne los gehen.

Wochenbett Teil 5 – In einer anderen Welt

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.