Nachdem ich in Teil 1 ja schon den Unterschied zwischen uns Dorfkindern und den echten Landkindern erörtert habe, wird nun klar, wieso ich mir früh im Leben die Frage stellte: Wie sollt man sich mit Menschen anfreunden die ohne Auto quasi unerreichbar sind?

Wenn ich meine Eltern mit Kulleraugen darum bat mich doch bitte zu meiner Freundin „vom Land“ zu fahren, sahen sie mich entsetzt an und fragten genervt: „Kannst du dich nicht mit den Kindern aus dem Dorf anfreunden? Das ist viel praktischer!“ Als würde man sich seine Freunde danach aussuchen ob sie „praktisch“ sind. Ein Freund ist doch kein Werkzeugkasten. „Wir zahlen dir ja das Schülerplusticket, damit kannst du kostenlos mit dem ÖPNV fahren aufs Land fahren. Das ist auch besser für die Umwelt.“ ging die Diskussion weiter. „Aber das sind 1-2 Stunden Fahrt?“ Ich sah meine Mutter entsetzt an. „Na und als wir jung waren, kamen mir gar nicht auf die Idee unsere Eltern als Taxis zu missbrauchen! Meine Eltern hatten nicht mal ein Auto.“

Mit Zug und Bus direkt in die Demo

Geknickt machte ich mich also auf die Reise mit den öffentlichen Verkehrsmitteln Richtung „Nirgendwo“. Der erste Teil der Strecke bis Koblenz war mir durchaus bekannt. Dort angekommen sollte ich in den Bus umsteigen, so war der Plan.

Als ich aus dem Zug ausstieg und durch den Bahnhof lief, um in den Bus zu steigen, merkte ich sofort, dass irgendwas seltsam war. Nach und nach begegnete ich immer mehr Polizisten. Ich hatte in meinem ganzen Leben noch nie so viele Polizisten auf einmal gesehen, was wohl zeigt dass ich doch vom Land komme. Während andere sich durch die Polizei geschützt fühlen, war Polizei für mich immer etwas, was mich stark verunsicherte. Wenn in Nievern mal die Polizei kam, dann hatte dies meist sehr dramatische Gründe wie zum Beispiel den Diebstahl einer Gartensitzbank oder das Verschwinden eines Hundes. Alles Erlebnisse die das Highlight im Leben eines Dorfkindes darstellen und Gesprächsstoff für einige Tage bieten konnten.

Da stand ich nun also in mitten einer Traube aus Polizisten. Zu tiefst verunsichert. Hilfessuchend und mit schweißnassen Händen betrat ich einen Bahnhofskiosk und fragte was hier los sei. „Achja die Nazis demonstrieren mal wieder“ Aha. Wenn es sonst nichts ist. Nazis?!!! Meine Angst wurde noch größer. Doch da man mit 15 Jahren eigentlich genug Coolness besitzen sollten mit dem Bus eine Freundin zu besuchen, setzte ich meinen Plan weiter fort und verließ den Bahnhof Richtung Busbahnhof. Durch eine „bunte“ Masse, die zu 20 % aus Polizisten, zu 20 % aus Rechtsradikalen und zu 60 % aus Gegendemonstranten bestand, kämpfte ich mich ängstlich Richtung Bus

Teil 2 – Von Nazidemos und dem ÖPNV
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