Langsam fiel die Tür hinter ihm ins Schloss, und er ging Schritt für Schritt ganz vorsichtig in Richtung Stadt. Verwundert sah er sich um.Denn alles war anders wie früher. Der Spielplatz, auf dem früher noch glückliche Kinder tobten, war nun kaum wiederzuerkennen. An der Rutsche blätterte die Lackierung ab, von den zwei (Schaukeln) hing nur noch eine, doch auf diese würde er kein Kind mehr setzen. Denn sie quietsche bereits durch das leichte Schwingen, dass der starke Wind verursachte. Der Sandkasten diente zunehmend als Hundetoilette und dem Klettergerüst fehlten einige Sprossen.

Nach ein paar Minuten kam er an seine alte Lieblingsbäckerei, beziehungsweise das was von ihr noch übrig geblieben war. Denn wo früher noch frischer Brötchengeruch die Leute aus ihren Häusern lockten, stand jetzt nur noch ein Schild „Zu vermieten“. Traurig blickte er durch das Fenster auf die schöne alte Theke, an der er früher oft mit der Bäckerin einen Kaffee getrunken und ein bisschen geredet hat.

„Was starren sie so da rein? Da gibt es doch schon lang nichts mehr zu kaufen. Seit der neue Supermarkt in der Stadt aufgemacht hat, ging es mit Mias Laden immer weiter bergab“ rief ihm die Stimme einer alten Frau abwertend entgegen.

Er beschloss weiter zu gehen und sein Hungergefühl führte ihn zu einem Restaurant, in dem er früher oft seine Mittagspause verbracht hatte. Als er hereinging war er schockiert. Wo damals noch Studentengruppen bei einem Bier zusammen saßen und über Politik diskutierten, standen jetzt viele kleine Tische im ganzen Raum verteilt, an denen die jungen Leute vor ihren Laptops saßen. Erstaunt setzte er sich neben einen dieser Menschen.

„Warum sitzen Sie hier so alleine?“, fragte er ihn ganz direkt. „Ich bin doch gar nicht alleine sehen sie nur hier“ sagt er und zeigte auf seinen Laptop „Marc ist da, der sitzt gerade in Istanbul, oder hier Clara die ist momentan in New York“ Überrascht starrte er auf den kleinen Display wo sich immer wieder kleine Nachrichtenfenster öffneten. Diese jungen Menschen waren doch so frei, sie konnten sich treffen, demonstrieren, reisen und tun was immer sie wollten, warum saßen sie stattdessen einsam in einem muffigen Restaurant? Nachdem er eine Pizza gegessen hatte, ging er weiter, zu seiner Wiese.

Er nannte sie seine Wiese, weil er dort vor vielen Jahren die meiste Zeit seines Tages verbracht hatte. Oft lag er da mit den anderen, kiffte, hörte Musik, spielte Gitarre oder tat einfach nur nichts. Hier musste er doch noch irgendetwas Vertrautes finden. Irgendetwas das ihm Halt geben konnte.

An der Wiese angekommen fand er nur eins vor: Leere.

Es war seltsam. Er hatte den Tag solange herbei gesehnt, an dem endlich wieder hier herkommen konnte und seine Freiheit genießen konnte. Er hatte sich so sehr auf den großen Kirchbaum gefreut unter dem sie früher so oft lagen. Ein bisschen hatte er sogar darauf gehofft Freunde von früher hier wieder zu treffen und nun stand er da und war traurig weil nichts so war wie früher. Anscheinend wussten die Leute ihre Freiheit nicht mehr zu schätzen. Die wenigen die überhaupt draußen herumliefen konnten das Vogelgezwitscher nicht hören, weil sie von der Musik ihrer Ipods beschallt wurden, sie konnten nicht auf der Wiese liegen und kiffen, weil überall Polizisten unterwegs waren. Überhaupt fühlte er sich schrecklich überwacht. Wozu um Himmels willen waren an allen möglichen Plätzen Kameras angebracht? Es war doch eh niemand unterwegs der etwas Böses tun würde. Stattdessen saßen die meisten Leute zu Hause in ihren Löchern vor den Fernsehern und Computern.

Traurig, da seine hohen Erwartungen nicht erfüllt wurden, ging er zurück. Denn seine zwei Stunden Freigang waren nun beendet.

Als er so in seiner Zelle saß, merkte er das kaum noch ein Unterschied zwischen draußen und drinnen bestand. Hier gab es keine frischen Brötchen von Mia, draußen gab es keine frischen Brötchen von Mia. Hier war man einsam, draußen war man einsam. Hier war alles herunter gekommen, draußen war alles voller Schmutz und Dreck. Hier wurde man total überwacht, draußen wurde man total überwacht. Da wurde er noch trauriger da er sich nun nicht mehr auf das Leben in „Freiheit“ freuen konnte.

Doch dann fiel ihm ein, dass er draußen etwas verändern konnte. Hier konnte er das nicht. Mit diesem Gedanken im Kopf legte er sich geknickt aber beruhigt in sein kleines Zellenbett.

Schöne neue Welt
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