Es klingelte an der Tür. Erst einmal, dann ein zweites Mal. „Ich komme!“, rief Frieda, die sich grade in ihr buntes Lieblingskleid geworfen hatte und ihre langen blonden Locken hastig mit einem Gummi zusammen band.

Voller Freude riss sie die Tür auf und sah einen riesigen Strauß voller Sonnenblumen und irgendwo zwischen den vielen gelben Blättern die Schokoladen-braunen Augen ihres Freundes. In einer Hand die Blumen umarmte sie ihn. Endlich war er wieder hier. Sie hatte ihn die letzte Zeit so vermisst. Als er ihr damals sagte, er würde für ein halbes Jahr nach Amerika gehen, hatte sie sich das alles so leicht vorgestellt. Jeden Tag chatten, telefonieren und mailen – „tausende Kilometer stellen doch heut zutage kein Problem mehr dar“, hatte ihr ihre Mutter immer wieder eingeredet. „Als ich noch jung war, da habe ich 5 Markstücke gesammelt um deinen Vater in Hamburg anzurufen! Da musste ich noch zur Telefonzelle gehen, da stand man dann und fror und sah verzweifelt, wie das Guthaben immer weniger wurde“. Doch die Realität war anders. Manuel hatte zwar jede freie Minute genutzt, um mit ihr im Kontakt zu bleiben, doch Arbeit und Zeitverschiebung erschwerten das Leben zu zweit mit dieser enormen Entfernung doch extrem.

Frieda hatte schon ein wenig Angst ihre Gefühle für Manuel in der langen Zeit verloren zu haben, sie hatte so viel erlebt und so viel neue Leute kennen gelernt, das sie gar nicht mehr wusste wie das Leben mit ihrem Freund war.Doch jetzt wo sie seine Augen erblickte, seinen Körper an ihrem spürte und ihm durch die Haare wuschelte, war das alles vergessen. Sie zog ihn in ihre kleine Wohnung, in der es nach Essen duftete. Sie hatte extra sein Lieblingsgericht gekocht – Spaghetti Bolognese mit ganz viel Käse und ganz wenig Fleisch. Sie setzten sich an den Tisch und aßen. Obbwohl sie sich so lange nicht gesehen hatten, war alles wie früher. Sie lachten immer noch über die gleichen Witze, er aß wie immer ihre halbe Portion Spaghetti, da sie nicht mehr konnte und sie legten sich wie immer nach dem Essen zufrieden und satt ins Bett und kuschelten.

Sie lagen einfach nur so da und genossen ihr Zusammensein, kuschelten, kitzelten und küssten sich immer wieder. „Ich habe noch was für dich“, rief Manuel und weckte Frieda, die gemütlich in seinem Arm schlummerte, aus ihrem Halbschlaf. Er sprang aus dem Bett und rann in den Flur, nicht ohne ihr vor dem Verlassen des Raums – wie er es immer tat – die Zunge raus zu strecken. Frieda war überglücklich. Sie liebte ihn so sehr, das war ihr heute noch viel bewusster als je zuvor.

Plötzlich wedelte ein kleines Kästchen vor ihren Augen „Frieda, ich habe dich die letzten 178 Tage jede Minute vermisst. Ich habe an dich gedacht, jeden Abend, wenn ich ins Bett gegangen bin und jeden Morgen, wenn ich aufgewacht bin. Willst du mich heiraten?“

Frieda war völlig von den Socken, sie war sprachlos, wusste nicht mehr wo oben und unten war und merkte nur, wie ihr ganz schwindelig wurde. Das war ihr schon öfter passiert. Sie konnte mit Überraschungen einfach nicht umgehen. Schon damals, als ihre Oma im Lotto gewonnen hat, ist sie einfach umgekippt und wurde erst nach zwei Stunden Schlafen wieder wach.

Manuel kannte Friedas Überraschungsphobie, doch dieses eine mal – und wenn es das einzige Mal in seinem Leben war – wollte er sie doch überraschen und das es so schlimm wurde hatte er nicht geahnt. Vorsichtig nahm er sie, legte sie ins Bett und deckte sie zu.

Nachdem eine Stunde vergangen war und sie immer noch am Schlafen war, beschloss er sich ein wenig die Füße zu vertreten. Der lange Flug war anstrengend gewesen und er brauchte unbedingt frische Luft und etwas Bewegung.

„Bin kurz ein bisschen spazieren, höchstens zehn Minuten dann bin ich wieder bei dir mein Schatz.“ Ich liebe dich!“ laß Frida auf einen kleinen gelben Klebezettel auf ihrem Nachttisch. Sie erblickte die Ringe und langsam wurde ihr wieder klar, was eben passiert ist. Natürlich wollte sie ihn heiraten! Das wollte sie ihm so schnell wie möglich sagen. Draußen war es schon dunkel. Seltsam dachte sie, dass er noch nicht wieder hier ist… Aber vielleicht ist er ja auch erst eben losgegangen. Sie griff zum Handy und wählte seine Nummer. Es klingelte auf ihrem Schreibtisch. Na das hätte sie sich auch sparen können. War ja wieder klar, dass ihr verpeilter Freund sein Handy vergessen hat.

Flott zog sie sich ihre Schuhe an und machte sich auf den Weg nach draußen. Sie wusste ja, wo er immer spazieren war. Als sie fast am Park angekommen war, hörte sie einen Krankenwagen.

Kurz darauf kam auch noch die Polizei. Was war denn hier los? Das würde sie gleich direkt mal Manuel erzählen. Frieda kam an der Straßenecke vor dem Park an, auch die Polizei und der Krankenwagen hatten dort gehalten. Neben einem Auto stand ein Mann, völlig aufgelöst und am Weinen.Voller Neugierde näherte sie sich der vermeintlichen Unfallstelle. „Du bist viel zu neugierig“, würde Manuel jetzt sagen, dachte sie und grinste.

Doch dann verging ihr das Grinsen, vor dem Auto lag ein Mann leblos auf dem Boden, das Gesicht nach unten. Noch nie hatte sie einen vermeintlich Toten gesehen. Der arme Mann. Die Rettungsassistenten rannten zu ihm und drehten ihn um. Sie weiß nicht ob sie es vorher nicht erkannt hatte oder nicht erkennen wollte. Doch jetzt als sie in seine Schokoladen-braunen Augen sah, gab es keinen Zweifel mehr, es war Manuel.

Manuel
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